
Ursula Engelen-Kefer begeistert im Rother Seckendorff-Schlösschen die Zuhörer. - Foto: Leykamm
Roth (HK) Sie ist eine der lautesten Stimme aus den Reihen all derer, die den fortwährenden Sozialabbau nicht weiter hinnehmen wollen: Ursula Engelen-Kefer, langjährige Vizechefin der Bundesanstalt für Arbeit und des DGB. Auch im Rother Seckendorff-Schlösschen kämpfte sie für dieses Ziel.
Eigentlich hätte es eine reine Lesung werden sollen. Doch Engelen-Kefer kam überhaupt nicht dazu, einige Zeilen aus ihrem 320 Seiten starken Werk "Kämpfen mit Herz und Verstand" vorzutragen. Denn das, was sie auf dem Herzen hatte, sprudelte förmlich aus ihr heraus.
Sie habe keine Memoiren schreiben, sondern eine Zwischenbilanz ziehen wollen, machte Engelen-Kefer in Roth deutlich. Denn ihr Kampf gegen die schrittweise Auflösung des Sozialstaats geht für die 66-Jährige weiter. Streitbar war Engelen-Kefer schon immer. "Eigentlich wollte ich Tierärztin werden", bekannte sie. Doch es kam anders: Sie studierte Volkswirtschaftslehre und brach als Forscherin in eine Männerdomäne ein. Durch ihr beherztes Engagement landete sie 1974 in der Zentrale des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Als sie 1984 zur Vizepräsidentin der Bundesanstalt für Arbeit bestimmt wurde, spürte sie erstmals deutlichen Gegenwind. "Eine Frau gehört hier nicht hin", habe es ihr entgegengehallt. Mit dem "Haifischbecken der Wirtschafts- und Sozialpolitik" machte sie dann von 1990 bis 2006 als stellvertretende DGB-Vorsitzende noch deutlichere Bekanntschaft. Zwischenzeitlich avancierte sie zudem zum Mitglied im Bundesvorstand der SPD. So war sie also in Mehrfachfunktion in den Auseinandersetzungen um den Sozialstaat.
Der Weg zum Sozialabbau sei mit allerlei Intrigenspielen, Kämpfen hinter den Kulissen und Konflikten auf vielen Ebenen gekennzeichnet gewesen. "Und ich war mittendrin." Vor allem die Riester-Rente sei ihr ein großer Dorn im Auge gewesen. Sie habe an sich nichts gegen kapitalgedeckte Altersvorsorge, aber gegen die parallel vonstatten gegangene Entwertung der gesetzlichen Rente. "Das war ein großer Sündenfall", so Engelen-Kefer.
Die Hartz-Reformen sieht sie mit zwiespältigen Gefühlen. Sie hätten gute Anregungen gebracht, aber dann habe man "drei Gänge zu weit geschaltet". Das mündete bekanntlich in der neoliberalen Zauberformel: Wirtschaftsaufschwung durch weniger Sozialstaat. "Aber so einfach ist die Welt nicht", so die Referentin, die ganz im Gegenteil den Sozialstaat als Produktionsfaktor und damit eigentlich als Standortvorteil betonte. Doch den scheint man gerade zu verspielen. "Die Wirtschaft muss wieder an ihre Verantwortung erinnert werden", so Engelen-Kefer. Ein-Euro-Jobs, 400-Euro-Jobs: Engelen-Kefer wurde nicht müde, die Sünden der Politik aufzuzählen. Für das daraus resultierende Unheil am Arbeitsmarkt "brauchen wir gar keine Globalisierung".
Von Jürgen Leykamm